Der Juwelenschleifer

Der Juwelenschleifer (dominus splendidus), auch Professor-Higgins- oder Pygmalion-Dom genannt, ist eine stark verfeinerte Unterart des Zurichters. Während die meisten seiner Artgenossen in einem kriechtier lediglich eine auf zwei Knien daherrutschende Mehrloch-Gummipuppe auf Kohlenstoffbasis sehen, ist der Juwelenschleifer den Weg zur höchsten Evolutionsstufe der Dominanz bereits einen entscheidenden Schritt weitergegangen: es ist der im kriechtier enthaltene Kohlenstoff, der es ihm angetan hat und den er zum Glitzern zu bringen wünscht.

Der Juwelenschleifer sieht im gewöhnlichen kriechtier ein rohes Potential, das durch beständigen Anpassungsdruck dazu gebracht werden soll, innerlich wie äusserlich so hart zu werden (vgl. Rohdiamant), dass der mit Industriediamanten beflockte Aufsatz seines Schwingschleifers (vgl. Sonja Bunga, „Stromenti di Forza“, Anale Grande, Venezia, 1976) dazu benutzt werden kann, um letzte Verfärbungen und Fehler des Werkstücks konsequent abzutragen, damit alle dem Schliff vorangegangenen Brechungen zu perfekter Geltung gelangen.

Bedauerlicherweise pflegen neunundneunzig von hundert Werkstücken bereits während des Härtungsprozesses an dem ihnen auferlegten, konsequenten Drill zu zerbrechen oder unschöne Einschlüsse zu entwickeln, weshalb so mancher Juwelenschleifer es bevorzugt, sich durch andere Dom-Arten vorgehärtete Exemplare zu beschaffen, wie etwa Polygamisten-Weibchen in einer manifesten vagina-dentata-Phase (wobei das Schleifen solcher Exemplare besonderes psychologisches Fingerspitzengefühl erfordert, vgl. Horst Bügelbreit, „Tanz auf dem Vulkan — wie man mit einer Ausgetricksten fertig wird“, Pantheon, Froschhausen, 2003) oder nach Höherem strebende Ex-Gattinnen von Hobby-Doms, Zurichtern, Goreanern und RACKERN®, sofern nicht älter als 35, mit einem BMI von unter 18 und einer sogenannten „waist-hip-ratio“ von 0,658 ausgestattet (vgl. Prof. Dr. Edelmut Scharnagel, „Mindestanforderungen an das moderne kriechtier“, Prügelpeitsch Verlag, Weichlingen, 2001).

Perfektion ist dem Juwelenschleifer bekanntlich alles, weshalb selbiger mit dem Endergebnis des Schliffs schwer zufriedenzustellen ist. Selbst äußerst gelungene Werkstücke, im Fachjargon als „brillantine“, „schmuckstück“ oder auch „schatzi“ bezeichnet, sind schwerlich imstande, ihrem Schöpfer wirklich dauerhafte Befriedigung zu garantieren, da kaum aufzuhaltenden Verfallsprozessen unterworfen, nicht zuletzt der Gewohnheit, welche bekanntlich die Leidenschaft tötet. Kurz, der Juwelenschleifer sieht sich relativ bald außerstande, Neues oder ihn Erregendes an seinem „schatzi“ zu entdecken: ein sich rasant verstärkendes Gefühl der inneren Leere und Atemnot setzt ein.

Die ersten Anzeichen der sich anbahnenden Katastrophe äußern sich oft schon wenige Minuten nach der ersten Vorführung und dauerhaften Kennzeichnung von schatzi vermittels ultrahocherhitztem Brandeisen im erlauchten Bekanntenkreis: mit einem Mal schmeckt der untertänigst auf einem Silbertablett dargebrachte Crémant (vgl. Dr. Wilfried Nachtgespenst, „Artgerechte Haltung und Ernährung von dominanter Männchen unter Laborbedingungen“, Kreucher, Langhansdorf, 1998) schal und bitter, wiewohl sämtliche Anwesenden, zuvörderst schatzi, das genaue Gegenteil beteuern. Während der harten, aber gerechten Abstrafung von schatzi durch den Juwelenschleifer fällt sein Blick auf das schrägrechts hinter dem Goreaner knieende kriechtier: es wirkt noch etwas pausbäckig, errötet heftig, wenn er es mit dem stahlhartem Blick No. 6 fixiert, die Haarfarbe ist aschblond (igitt), der rechte Schneidezahn steht eine Winzigkeit vor und der Nadu (vgl. Dschonn Mellenkater, „Gor für Dummies“, Prokrastinator Verlag, Bemblingen, 1798) wird nicht mit 150%iger Devotion ausgeführt. Ausserdem lispelt es.

Durchschnittlich drei Minuten später erfolgt schatzis Veräusserung an interessierte Bieter, die Rückübereignung des Halsbandes und abschließende Vertreibung aus dem Paradies (vgl. Miasmata Verlucci „Der Sündenfall — wann ein Dom wirklich durchgreifen sollte“, Stromboli, Napoli, 1965) untermalt von einer flammenden Rede (die Restforderung für die zu glücklicheren Zeiten eingesetzten Brustimplantate wird dem neuen Eigentümer üblicherweise nach der Ummeldung bei den üblichen Registrierungsstellen per Einschreiben zugestellt), während die Vermessungsarbeiten am just erworbenen Werkstück bereits zu einem zufriedenstellenden Resultat gelangt sind: es bläst gekonnt und ohne zu würgen.


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